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Mai 21, 2012

The Tree of Life

Von Terrence Malick kannte ich bisher erst zwei Filme: Der schmale Grat, den ich ganz ausgezeichnet finde, und The new world, mit dem ich nicht allzu viel anfangen konnte. The Tree of Life ist anders. Erzählt wird im Grunde die Geschichte eines Jungen, Jack, dessen Kindheit und Jugend geprägt werden von dem Gegensatz zwischen der sensiblen Mutter und dem strengen Vater. Soweit eigentlich kein neues Thema. Gezeigt wird die Geschichte in Rückblenden, der erwachsene Jack (Sean Penn) scheint den Konflikt seiner Kindheit immer noch nicht überwunden zu haben, zudem hat er den frühen Tod eines seiner Brüder nie verwunden. Auch das ist nicht neu. Es mutet etwas seltsam an, dass der großartige Sean Penn in diesem Film insgesamt nur wenige Minuten lang zu sehen ist. Und dass er kaum ein Wort sagt. Aber okay, möglicherweise ist da im Schneideraum einiges unters Messer gekommen. Brad Pitt als Jacks Vater spielt sehr gut, ebenso wie Jessica Chastain als Mutter. Ich fange immer mehr an zu glauben, dass Brad Pitt viel besser ist, als man denken sollte. Benjamin Button war schon toll, Inglourious Basterds… nun ja…sehr speziell, aber auch sehr gut. Soweit ist The Tree of Life also ein bemerkenswert guter Film, der zudem mit unglaublich viel Liebe zu fast jeder Einstellung gedreht worden ist, ein wahrer Augenschmaus, ohne dass man ihn in die Reihe der Filme stellen würde, die man gerne “visuell überwältigend” nennt. Wenn, tja wenn da nicht diese filmischen Exkurse wären…

Malick feiert die Natur als Gottes Schöpfung. Relativ nah am Anfang zeigt er uns gut 20 Minuten (!) lang nur Bilder des Universums, wunderschöne Aufnahmen der Natur, Vulkane, Geysire, Wasserfälle, Wälder, Ozeane, den Mikrokosmos – das ganze Programm. Untermalt mit, natürlich, klassischer Musik. Kubricks Odyssee im Weltraum lässt grüßen. Ich hätte mich vielleicht noch mitnehmen lassen auf diese Reise, wenn da nicht plötzlich diese paar Dinosaurier am Flussufer aufgetaucht wären. Konnte man vorher noch glauben oder hoffen, echte Bilder zu sehen (einige aus dem Weltall waren es sicher, hab sie wiedererkannt), wird man durch die Urviecher recht brutal in die digitale Tricktechnik katapultiert. Die Erinnerung an Jurassic Park machte die Desillusionierung komplett. Und was soll das alles überhaupt? Eigentlich zeigt Malick die gesamte Entstehung des Universums, allen Lebens. Gibt es eine Parallele zwischen der Entwicklung der Welt und dem Heranwachsen des Menschen? Geht es vielleicht um die ganz, ganz großen Probleme des Lebens? Ja, definitiv.

Der ganze Film ist eine Auseinandersetzung mit Gott. Oder genauer: Mit der Frage, wie es sein kann, dass Gott das Übel in der Welt zulässt. Immanuel Kant, der alte philosophische Haudegen, hat sich nach dem verheerenden Erdbeben von Lissabon (1755) einmal in einem Aufsatz mit dem Theodizee-Problem befasst. Eine Lösung hat der gute Mann nicht gefunden. Das Problem sei unlösbar, lautete sein Fazit, soweit ich mich erinnere. Diese schmerzliche Erfahrung muss Malick auch machen. Doch während Kant noch die Vernunft abfeiert, scheint sich der Regisseur damit zu begnügen, dass Gott am Ende einfach wunderbar ist, seine Wege unergründlich. Formuliert wird es so nicht, doch während die Fragen und Zweifel der Protagonisten einen anderen Schluss nahelegen oder zumindest offen halten könnten, zeigen Malicks bombastische Bilder die Schönheit der Schöpfung in einer Form, die jede Diskussion im Keim erstickt. Das wär nix gewesen für den unbestechlichen Kant.

Also mir war das alles zu viel und zu plump – bei aller Schönheit. Und trotzdem ist The Tree of Life ein toller Film. Weil er jenseits aller Überfrachtung eine anrührende Geschichte sehr eindringlich erzählt. Es  heißt, Malick habe die üblichen Konventionen des Films durchbrochen. Hat er nicht. Er hat sie nur durch Ballast verbogen. Das schadet dem Film, kann seine meisterliche Qualität aber nicht überdecken.

März 26, 2012

Der Seewolf / Das Totenschiff

Irgendwie habe ich wohl gerade meine maritime Phase. Nachdem ich mich durch die Onedin-Linie gekämpft hatte, fiel mein Blick bald darauf eher zufällig auf Jack Londons Seewolf, der immerhin auch schon seit 13 Jahren ungelesen irgendwo im Bücherregal nicht vor sich hin staubte, weil ich alle paar Jahre dann doch mal den Staub weggepustet habe. (Inzwischen habe ich für sowas ein Dings bekommen, das tatsächlich nur dafür da ist, Buchoberseiten von Staub zu befreien – bisher war es mir aber zu peinlich, dieses Dings zu benutzen…). Offenbar wollte ich den Seewolf also irgendwann mal lesen – warum nicht jetzt? Und wenige Wochen später griff ich nicht mehr ganz so zufällig zum Totenschiff von B. Traven, der immerhin sogar schon seit 17 Jahren in einer netten Ausgabe mein Regal ziert. Jetzt habe ich endlich beide gelesen.

Der Seewolf (erschienen 1904) beschreibt die Abenteuer eines Literaturkritikers, den es nach einem Schiffsunglück auf die Ghost verschlägt, einem Robbenfänger unter dem Kommando des eisenharten Kapitäns Wolf Larsen. London berichtet mit sehr viel maritimer Sachkenntnis (und entsprechend vielen Fachbegriffen) das gnadenlose Regime Larsens, der seine Mannschaft auch nicht gerade zimperlicher Seemänner mit roher Gewalt beherrscht. Jeder Widerstand wird niedergeschlagen, Larsen duldet keinerlei Widerspruch, er schreckt auch nicht dafür zurück, jemanden zu töten, der sich ihm entgegen stellt. In dieser Umgebung muss sich der feinsinnige Humphrey van Weyden zurechtfinden, um zu überleben. Dass Larsen ihn nicht gleich über Bord wirft, hat einen einfachen Grund: Larsen ist nicht nur ein Gewaltmensch, sondern zugleich ein Liebhaber feinsinniger Literatur, der selbst in der Lyrik halbwegs bewandert ist – van Weyden ist der einzige Mensch an Bord, mit der er sich auch mal intellektuell messen kann. So kommt es immer mal wieder zum Duell Materialismus gegen Idealismus. Larsen verficht, geschult an Nietzsche, die These vom Willen zur Macht, von der Macht, die sich ihr eigenes Recht schafft. Das Recht des Stärkeren, die verkürzt-darwinsche Lehre vom Überleben der Stärkeren, liefert Larsen die Argumentationshilfen gegen van Weyden, der daran glaubt, dass letztlich die Moral obsiegt. Doch van Weyden muss erst ein kräftiger Seemann werden, während Larsens Kräfte krankheitsbedingt schwinden, um am Ende gegen das Böse zu gewinnen.

Die Geschichte ist natürlich spannend erzählt, wirklich ein großer Abenteuerroman, der London zu Recht den literarischen Durchbruch und materielle Unabhängigkeit beschert hat. Trotzdem bin ich nicht ganz glücklich mit dem Buch. Zunächst finde ich die Konstruktion bei allem Realismus wenig überzeugend, dass ausgerechnet der brutalste Kerl (der, der rohe Kartoffeln in der Hand zerquetschen kann…) im Grunde ein Feingeist sein soll. Und die wiederkehrenden Diskussionen zwischen van Weyden und Larsen drehen sich auch irgendwie im Kreise, abgesehen davon, dass ihr Niveau überschaubar bleibt. Jetzt frage ich mich gerade, ob London den Roman vielleicht als Jugendbuch geplant hat? Das müsste ich noch mal prüfen, habe davon aber bisher nichts gelesen. London selbst hat das Buch offenbar als Angriff auf Nietzsches Lehre vom Übermenschen verstanden wissen wollen. Dafür spricht immerhin, dass Larsen scheitert. Nicht überzeugt hat mich auch der Handlungsverlauf: Natürlich muss in dieser wüsten Welt auch noch eine schöne Frau auftauchen, in die van der Weyden (und vielleicht auch Larsen?) sich prompt verliebt, die es also zu retten gilt vor dem Obermacho. Erst van der Weydens biologische Instinkte bringen ihn dazu, übermenschliches zu leisten – irgendwie dann doch ein kleiner Triumph für den Seewolf. Dann hat London auch noch eine Robinsonade eingebaut: Van der Weyden und seine Maud Brewster landen nach ihrer Flucht auf einem öden Eiland, auf dem sie sich gegen widrigste Umstände durchbeißen müssen. Und wie es der Zufall will, strandet am Ende auch noch ausgerechnet Larsen allein mit seiner havarierten Ghost auf eben dieser Insel. Ganz schön viele Zufälle… Aber gern gelesen habe ich das Buch trotzdem. Und Lust auf mehr hat es ja auch gemacht.

Das Totenschiff (erschienen 1926) spielt wie der Seewolf auf einem Schiff, das von einer rauhen Mannschaft gefahren und von einem rücksichtslosen Kapitän und seinen Offizieren befehligt wird. Und wieder ist die Geschichte spannend, wie der Deckarbeiter Gerard Gales sich ohne Papiere von Hafen zu Hafen durchzuschlagen versucht, um irgendwo eine Heuer zu finden, wie er schließlich auf der Yorikke landet, einem Dampfschiff auf Schmuggelfahrt, auf dem alle Matrosen dem Tode geweiht zu sein scheinen. Hier wird man nur notdürftig am Leben erhalten, um sich zu Tode zu schuften. Was Travens Buch von London unterscheidet, sind die Perspektive und das Thema. Das Totenschiff ist radikal aus der Sicht eines Kohlenschleppers geschrieben, der Ich-Erzähler redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, weshalb es sprachlich nicht selten holprig zugeht. Weil Traven offensichtlich gut weiß, wie schlimm die Zustände auf so einem Kahn sein können, wirkt das Buch ungemein realistisch. Möglicherweise war es diese Perpektive, die dem Roman in den 20ern zu so großem Erfolg verholfen hat – sowas hatte man bis dahin in dieser Qualität kaum gelesen. Hinzu kommt das Thema: Traven beschreibt sehr eindringlich das Schicksal der Staatenlosen, die nach dem Weltkrieg, als das Passwesen sein Unwesen zu treiben begann, oft allein daran scheiterten, dass sie ihre Identität nicht nachweisen konnten. Gales versucht immer wieder, an Papiere zu kommen, nachdem er seine durch ein Missgeschick verloren hat, immer wieder wird er von Polizeibehörden und Konsuln abgewiesen. Traven wälzt das Thema für meine Begriffe etwas zu oft aus, manches wiederholt sich einfach ziemlich stumpf, immer wieder rettet sich Gales mit Galgenhumor, während er Passwesen und Kapitalismus verflucht. Man spürt das Sendungsbewusstsein des Autors, der seine Botschaft mit aller Macht rüberbringen will – für mich zu viel des Guten, zumal die Handlung darunter leidet. Deshalb ist das Totenschiff weit weniger spannend als der Seewolf.  Fand ich im Seewolf die Handlung etwas zu simpel konstruiert, hätte ich mir im Totenschiff tatsächlich etwas mehr davon gewünscht.

Travens eigene Identität ist immer noch nicht endgültig gelöst, es gilt jedoch als sicher, dass er unter dem Namen Ret Marut aktiv an der Münchner Räte-Republik (die rasch und brutal niedergeschlagen wurde) beteiligt war. Das erklärt vielleicht die Wut und die Bitterkeit – die anarcho-sozialistische Haltung springt den Leser auf jeder Seite an. Bei aller Sympathie war mir das zu viel. Deshalb habe ich mich zuletzt ein wenig durch das Buch gemüht. Ein großer Roman ist das Totenschiff natürlich trotzdem. Mein Eindruck ist, dass er besser ist als der Seewolf, aber das mag daran liegen, dass man von der Ernsthaftigkeit des Themas allzu leicht auf die Bedeutung/Qualität eines Romans zu schließen geneigt ist.

Februar 11, 2012

Midnight in Paris

Jedes Jahr ein neuer Film – auf Woody Allen ist Verlass. 2011 war es Midnight in Paris. Ich mag Allen irgendwie, zwischendurch habe ich ihn allerdings viele Jahre aus den Augen verloren. Dann habe ich innerhalb von zwei oder drei Jahren Im Bann des Jade Skorpions, Melinda und Melinda, Match Point, Scoop, Cassandras Traum, Vicky Cristina Barcelona, Ich sehe den Mann deiner Träume und zuletzt Midnight in Paris gesehen. Alle haben gewisse Gemeinsamkeiten: Ich glaube, der Vorspann ist immer identisch gemacht, die Musik ist ähnlich, es gibt immer mehr oder weniger viele Star-Schauspieler, manchmal eine Off-Stimme – und jedesmal wird eine kleine Geschichte erzählt, die zwischen belanglos und lustig schwankt. Alle Filme sind natürlich gut gemacht und sauber inszeniert, der alte Woody ist ein Vollprofi. Hier und da ging es mir so, dass ich am Ende des Films etwas ratlos dagesessen habe, weil mir nicht ganz klar war, was der Meister mir nun sagen wollte. Vermutlich gar nichts, der Bursche hat nur Spaß daran, heitere Filme zu drehen, in denen er alltägliche Begebenheiten, Gefühle oder Wünsche aufs Korn nimmt. Lässt man sich drauf ein, wird man bestenfalls ganz gut unterhalten.

Midnight in Paris ist auch so ein Film. Erzählt wird die Geschichte des angehenden Schriftstellers Gil, eines Amerikaners, der vom Paris der 20er träumt, als die Kulturschaffenden der Welt sich auf ein paar Flaschen Wein in Spelunken und literarischen Salons trafen. Er ist mit seiner Verlobten zu Besuch in der Stadt der Liebe, die ihrem Namen auch in diesem Film alle Ehre macht. Allen lässt Gil jeweils um Mitternacht in die 20er entführen, dort trifft er die bewunderten Geistesgrößen (Hemingway hat mir gut gefallen!), die Liebe, Inspiration für sein Buch und ein bisschen Weisheit. Mich hat das erinnert an Mach´s noch einmal Sam, einen der besseren Allen-Filme von 1971. Und ich hatte auch ständig den Eindruck, dass Hauptdarsteller Owen Wilson im Grunde Woody Allen, den Schauspieler, nachahmt – klar sind die Dialoge von Allen, aber Mimik und Gestik waren auch irgendwie der typische Allen-Stil. Aber gestört hat mich das alles nicht, ebensowenig wie die so offensiv aneinandergereihten Paris-Klischees, dass man sich auch darüber eigentlich nur amüsieren kann, was vermutlich die Absicht des Regisseurs war. Nicht so erfreut war ich dagegen über den Auftritt der Präsidenten-Gattin Carla Bruni. Zwar waren ihre Szenen zu kurz, um sie groß zu bewerten, aber irgendwie wirkte das eben deshalb als allzu plumper Versuch, das Marketing für den Film hochzutouren. Das sollte Allen eigentlich nicht nötig haben. Davon abgesehen ist Midnight in Paris ein sehr unterhaltsamer, netter Film des großen Regisseurs, der wie die meisten anderen der vergangenen Jahre nicht sehr tief im Gedächtnis haften bleibt. Aber das macht ja auch nichts.

Februar 6, 2012

Die Onedin-Linie

Es gibt Serien, die haben einen durch die Kindheit begleitet. Für  viele Leute ist das die Sesamstraße, an die ich seltsamerweise keine nennenswerte Erinnerung habe. Dafür war ich irgendwann begeistert von Raumschiff Enterprise – und diese Kindheitserfahrung hat mich offenbar irgendwie so sehr konditioniert, dass ich Serie und Kinofilme auch heute durchaus noch gucken kann. Eigentlich dachte ich, auch die Onedin-Linie wäre Teil meiner Kindheit gewesen, ich erinnere mich zumindest, die Serie auf dem damals dritten von drei Programmen gesehen zu haben. Vor einiger Zeit bin ich nun auf die DVD-Boxen gestoßen – und habe sie mir mit einer gewissen Neugier gekauft. Und tatsächlich: Die Musik erklang, die ersten Bilder flimmerten (diese Formulierung stirbt im HD-Zeitalter mit flimmerfreien Flachbildfernsehern wahrscheinlich auch bald aus…) über den Bildschirm, und ich fühlte mich viele, viele Jahre zurückversetzt in das Wohnzimmer meines Elternhauses in einem kleinen ostfriesischen Dorf. Nostalgie nennt man das wohl, was einen da übermannen kann. Oder auch nicht, denn seltsamerweise konnte ich mich nach der ersten Folge an absolut nichts mehr erinnern, kein noch so kleiner Winkel meines Hirns gab die geringste Erinnerung preis. Daraus folgt entweder, dass ich einfach alles vergessen habe (sehr unwahrscheinlich), oder dass ich die Serie in Wahrheit gar nicht so intensiv gesehen habe, wie ich dachte, dass vielleicht nur die erste Folge mich sehr angesprochen hat. Eine Kurzrecherche im Geschwisterkreis brachte leider auch keine erhellenden Erkenntnisse.

Nun ja, ein paar Folgen habe ich mir angesehen, um die Erinnerung vielleicht doch noch heraufzubeschwören; warum ich dann aber alle 8 Staffeln mit 91 Folgen durchgeguckt habe, kann ich nicht wirklich erklären. Filmischer Zwangscharakter? Flucht in die Vergangenheit? Beides wohl kaum. Jedenfalls lag es nicht daran, dass die Serie so grandios ist. Sie beschreibt über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Auf und Ab im Leben des Kapitäns und späteren Reeders James Onedin und seiner Familie. Wie er an sein erstes Schiff kommt, wie er Handel treibt, Gewinne macht, am Randes des Konkurses steht, sich wieder aufrappelt, immer wieder auf Segelschiffe setzt, obwohl längst das Zeitalter der Dampfschiffe begonnen hat, um Kap Horn segelt und Männer und Schiffe in Stürmen verliert usw. usf.

Die BBC-Produktion aus den 70er Jahren ist ganz ordentlich gemacht, die Briten legten immer schon wert auf halbwegs realistische Szenarien und Szenenbilder. Die Innenaufnahmen wirken wie auf einer Theaterbühne gefilmt, dafür ist das Team zumindest in den ersten Jahren für die Außenaufnahmen oft tatsächlich an Bord eines Seglers gegangen. Die Hafenszenen wurden in Dartmouth gedreht, das als Liverpool des viktorianischen Zeitalters herhalten muss. Obwohl die Serie enorm erfolgreich war (ich frage mich immer, warum sie in Deutschland erstmals ausgerechnet vom Bayerischen Rundfunk gezeigt wurde, hat der NDR da gepennt?), musste man irgendwann sparen: Die Außenaufnahmen auf See wurden seltener und wenn man so wie ich alle Folgen nacheinander sieht (verteilt über einige Monate), dann fällt einem auch auf, dass manche Bilder von Stürmen oder hektisch Segel setzenden oder einholenden Matrosen durchaus öfter vorkommen.  Wirklich lustig ist es aber, wenn exotische Schauplätze wie Indien, Südamerika oder Afrika nachgestellt werden – und man zwar Palmen und Händlerstände an einer Straße in Dartmouth aufgebaut hat, von Bord des Seglers im Hintergrund jedoch allzu oft die grünen Hügel von Devon zu sehen sind (bzw. immer derselbe). Da hat sich wohl was verändert: Der Fernsehzuschauer der 70er und frühen 80er war vermutlich durchaus bereit, sich auf diese Imagination einzulassen, seine Fantasie mitgehen zu lassen, während man heute schmunzelt oder den Kopf schüttelt über so viel Dilettantismus. Ebenso hat es wohl kaum jemanden gestört, wenn dieselbe Rolle plötzlich von einem anderen Schauspieler gespielt wurde, z.B. weil ein Mime aus dem Projekt ausgestiegen oder gestorben ist, immerhin wurde zehn Jahre lang gedreht. Doch Kostüme und Ausstattung der Räume vermitteln viel Zeitkolorit, außerdem gibt es auch immer wieder Episoden, die an historische Ereignisse und Personen anknüpfen. Peinlich bis rassistisch sind dagegen jene Folgen, die in Afrika spielen… Überhaupt merkt man, dass es den Autoren schwerfällt, den ursprünglichen Reiz der Aufsteigergeschichte durch immer neue und kuriosere Abenteuer zu ersetzen. Wohl deshalb wurde die Handlung schon recht früh gesplittet, neben James Onedins Schicksal wird auch das seiner beiden Geschwister immer wichtiger. Wobei übrigens interessant ist, dass James Onedin kein sympathischer Typ ist, oft genug ist er rücksichts- und geradezu skrupellos. Wie oft kommt es vor oder kam es damals vor, dass Serienhelden keine Sympathen sind?

Also eigentlich ist das alles liebevoll und auch ein wenig rührend unbeholfen gemacht. Man wird versetzt ins 19. Jahrhundert, was auch ganz unterhaltsam ist. Aber wirklich gucken muss man das alles in Wahrheit nicht. Was mich bei der Stange gehalten hat ist vermutlich der Lindenstraßen-Effekt, wie ich arg befürchte. Während die Lindenstraße mir nicht vor die Augen kommt, hab ich mich doch packen lassen von der Familie Onedin – irgendwie will man immer wissen, wie es weitergeht. Was immerhin auch ein Beleg dafür ist, dass die Serie ganz gut gemacht ist.

Februar 5, 2012

Grau / Von Jasper Fforde

Jasper Fforde hat mit seiner Thursday-Next-Reihe einigermaßen für Furore gesorgt – fünf tolle Bände um die Literaturagentin sind bisher erschienen, von Band zu Band wurden die Geschichten kurioser, auch ein wenig verrückter und hier und da nicht mehr so richtig übersichtlich, jedenfalls für mich, aber ein großer Spaß war es trotzdem, sie zu lesen. Im vergangenen Jahr hat Fforde eine neue, auf drei Bände angelegte Reihe gestartet, los ging es mit Grau.

Wie bei den Thursday-Büchern hat Fforde auch für die Eddie-Russett-Geschichten eine ganz eigene, sonderbare Welt erschaffen. Diesmal geht es definitiv in die Zukunft, mehrere hundert Jahre sogar, in eine Gesellschaft, die vollständig nach den teilweise enorm absurden Regeln des großen Munsell lebt, offenbar ein vor langer, langer Zeit verstorbener Gründervater, der das perfekte Zusammenleben schaffen wollte. Jedenfalls scheint es so. In dieser Welt sind alle, die am normalen Leben teilnehmen, mehr oder weniger farbenblind. Die Arbeiterklasse besteht aus Menschen, die alles nur grau in grau sehen. Die Elite hat eine außergewöhnlich hohe Farbwahrnehmung, wobei jeder nur eine bestimmte Farbe sehen kann – und danach seine Stellung in der Gesellschaft zugewiesen bekommt. Eddie beispielsweise ist ein Roter, er sieht so viel Rot, dass ihm eine glänzende Karriere bevorsteht – er könnte gar Präfekt eines großen Dorfes werden. Mehr als Rot sieht er aber auch nicht. Lebenszweck besteht für alle darin, nützliche Arbeit zu verrichten und durch geschickte Ehepolitik Nachkommen zu zeugen, deren Farbwahrnehmung höher ist als die der Eltern, von Generation zu Generation kann die Familie so aufsteigen – wem das nicht gelingt, der kann auch in die Masse der Grauen absteigen.

Und über allen stehen die Regeln. Sie sorgen übrigens auch dafür, dass diese Sci-Fi-Welt eigentlich keine ist. Denn mehrere “Große Sprünge rückwärts” haben dafür gesorgt, dass immer mehr Technologie vernichtet wurden. Glühbirnen sind deshalb wertvoll, Fernseher oder Radio gibt es nicht, ebensowenig Traktoren oder überhaupt Autos (bis auf kleine Restbestände an Oldtimern). Von den großartigen Errungenschaften der “Einstigen” zeugen nur noch Spuren, vor allem Straßen, die aus organischer Masse bestehen und sich selbst reparieren und sauber halten. Eine verrückte Welt, die sich nur im Tageslicht abspielt. Bei Nacht verkrümeln sich alle Menschen in ihren Häusern, die Nacht gehört dem “Gesindel” oder schlimmeren Wesen.

Im Grunde ist es eine Welt nach dem Vorbild von “1984″: Totale Kontrolle, Abweichung wird strengstens bestraft, dafür gibt es scheinbar keine körperliche Gewalt mehr, keinen Krieg. Eddie Russett lebt in dieser Welt nach den Regeln – bis er durch eher harmloses Fehlverhalten (unter anderem grübelt er über ein neues Warteschlangensystem nach) und die Liebe zu der Grauen Jane aus der Bahn geworfen wird. Jane zeigt ihm die Welt hinter dem schönen Schein. Sie ist anders, nonkonformistisch, sie leistet Widerstand. Die Eddie-Jane-Geschichte erinnert mich ein wenig an den “Krieg der Sterne”: Der Döspaddel vom Wüstenplaneten trifft eher zufällig die schöne Prinzessin und lernt mit ihrer Hilfe, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen – und wächst dabei über sich hinaus. Aber da enden dann auch die Parallelen, überhaupt hat ja auch George Lucas wahrlich nicht das Patent auf dieses Motiv. Jedenfalls ist das toll erzählt, sogar auf deutsch (Puristen behaupten, Bücher wie die von Fforde seien kaum gut zu übersetzen; mag sein, aber wenn man das Original nicht kennt, entgeht einem dieser Mangel ja glücklicherweise). Ein verrückter Einfall jagt den nächsten, immer mal wieder habe ich mich gefragt, in was für einer Welt ich mich da eigentlich befinde – leben diese Menschen vielleicht in einem Mikrokosmos? Oder gar auf einem ganz anderen Planeten (mit fleischfressenden Bäumen…)? Ich denke, es ist schon unsere Zukunft, aber eigentlich ist das auch egal, es ist Ffordes Welt, die er genial ausschmückt und mit der er eine spannende (Liebes-)Geschichte erzählt. Tatsächlich passieren auch einige Morde, der eine oder andere Täter wird sogar mehr oder weniger überführt, das wirklich Böse taucht aber nur ahnungsweise bzw. in Person eines Agenten der “Zentrale” auf. Da bleibt noch viel, viel Stoff für die nächsten beiden Teile…

 

Februar 4, 2012

Ziemlich beste Freunde

Das “Hochhaus” ist das schönste Kino in Hannover. Hier laufen Filme, für die das Cinemaxx sich nicht interessiert. Außerdem läuft meistens auch nur ein Film, der aber wochenlang. Einen Platz hoch oben unter der Kuppel des Anzeigerhochhauses kriegt man eigentlich immer, eben weil nicht eben Blockbuster gezeigt werden. Neuerdings ist das anders. Als ich neulich vor dem Hochhaus stand, wurde mir klar, dass an dem riesigen Hype, der hier um die französische Komödie Ziemlich beste Freunde wirklich was dran sein muss: Die Schlange vor der Kasse reichte bis auf die Straße, obwohl der Film schon seit ein oder zwei Wochen lief. Da das optimale Warteschlangensystem noch auf seine Erfindung wartet, entschloss ich mich zum Ausweichen auf eins der beiden Cinemaxxe hier im Städtchen – denn beide haben erkannt, dass Ziemlich beste Freunde ziemlich viel Geld bringt, und den Film ins Programm aufgenommen. Und tatsächlich war auch der Saal im Cinemaxx rappelvoll…

Das hat meine Erwartungen ungefähr bis unter die Saaldecke geschraubt, nachdem mir vorher schon mancher so einiges vorgeschwärmt hatte, einer verstieg sich sogar zu der Bemerkung, dies sei der beste Film, den er je gesehen habe. Ups. Ein kurzer Hirnscan ergab, dass mir der “beste Film” gar nicht einfallen will, weil es so viele in so vielen verschiedenen Genres gibt. Aber vielleicht war ja eher “beste Komödie” ever gemeint – was immerhin auch schon ein hoher Anspruch ist angesichts von Giganten wie “Leben des Brian”, “High Fidelity”, “Ein Fisch namens Wanda”, “Täglich grüßt das Murmeltier”, “Kebab Connection”, “Juno” und “Little Miss Sunshine” (um nur die zu nennen, die mir ad hoc einfallen), von den legendären Klassikern wie “Das Apartment” oder “Sein oder Nichtsein” mal ganz zu schweigen.

Na klar: Bei so hohen Erwartungen konnte der Film nur verlieren, was irgendwie gemein ist. Denn er ist wirklich lustig, frech und politisch unkorrekt (auch wenn letzteres inzwischen so oft bejubelt wird, dass man anfangen kann, sich Sorgen darum zu machen). Die Story ist simpel: Typ aus dem Absteiger-Milieu der Pariser Vorstadt bringt stinkreichem, aber vom Hals abwärts gelähmtem Lebensmüdem die Freude am Leben zurück. Das Motiv erinnert mich an so viele Filme, dass mir die Titel nicht einfallen wollen, außer vielleicht “Der kleine Lord”. Aber egal, die Geschichte ist frisch und sehr heiter erzählt. Es fehlt auch nicht an den nötigen Problem- und Liebesepisoden am Rande, so dass man bestens unterhalten wird. Und gut gespielt ist er auch noch, viel mehr kann man eigentlich von einem Kinoabend mit Komödie nicht verlangen. Ach ja, das beste ist natürlich: Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit! Das hätte ich eigentlich nicht auch noch haben müssen, aber mitnehmen tut man es natürlich trotzdem nicht ungern. Möglicherweise hat das auch dazu beigetragen, die Begeisterung so zu steigern, dass letzte Woche sogar die “Zeit” den Film auf den Titel genommen hat. Ich will nicht mäkeln, also lass ich es einfach – aber vom besten Film aller Zeiten, auch im Genre Komödie, ist Ziemlich beste Freunde doch noch ein Stückchen entfernt.

 

Dezember 3, 2011

Jane Eyre 2011

Jane Eyre war bereits 18 mal verfilmt worden, aber das hat Cary Fukunaga nicht davon abgehalten, es ein 19. mal zu tun. Er sagt, er habe sich die früheren Verfilmungen nicht angesehen, um sich von ihnen nicht beeinflussen zu lassen. Das ist löblich, der Regisseur hat damit aber auch eine Chance verpasst: Vielleicht mal etwas Neues aus dem Stoff zu machen. So hat er aus dem Buch von Charlotte Brontë einfach einen weiteren, guten Film gemacht. Was ja immerhin auch nicht wenig ist.

So geht Jane (Mia Wasikowska) wieder tapferen Herzens durch ein Leben, das ihr lange nicht wohlgesonnen zu sein scheint. Als Weise verstoßen, durchlebt sie die Vorhölle des Kinderheims, bis sie als Gouvernante das Glück  hat, den guten Mr. Rochester (Michael Fassbender) als Dienstherrn zu bekommen, der sich nicht lange bemüht, seinen guten Kern zu verbergen – dafür um so länger sein böses Geheimnis. Das Drama nimmt im Buch seinen Lauf, es wimmelt von unwahrscheinlichen Zufällen und unheimlichen Begebenheiten, die der guten Jane Austen vor allem aus literaturkritischen Gründen die Haare zu Berge stehen gelassen hätte, wenn sie nicht das wiederum zweifelhafte Glück gehabt hätte, 30 Jahre vor Erscheinen von Jane Eyre zu sterben. Nein, so schlimm ist das Buch ja gar nicht, ich hab´s ganz gern gelesen.

Der Film ist beinahe perfekt gemacht. In gewisser Weise ist er das Gegenstück zur Stolz und Vorurteil-Verfilmung von 2005: Technisch auf der Höhe der Zeit, einwandfrei inszeniert, mit sehr guten Schauspielern besetzt – nur dass Keira Knightley recht oft durch die Sonne spazieren darf, während Mia Wasikowska meist das typischere englische Wetter ertragen muss. Dabei hat Wasikowska mir aber sehr gut gefallen, ich dachte vor dem Kinogang, sie könnte zu gut aussehen, aber sie passt doch gut in die Rolle und macht das ganz ausgezeichnet. Fassbender war auch okay, obwohl ich nicht fand, dass die beiden als Jane und Edward zueinander passten. Aber richtig gestört hat es mich nicht, auch die Filmmusik, die manchmal etwas aufdringlich gefidelt daherkam, konnte den Gesamteindruck kaum trüben. Gar nicht gefallen hat mir nur, dass Janes Kindheit mal wieder (wie in so manchen früheren Verfilmungen) so kurz und geradezu lieblos abgehandelt wurde. Nur ansatzweise kam da für mich rüber, wie viel das Kind gelitten haben muss, ihre für sie so prägende Leidensgeschichte bleibt blass. Da diese Episoden (übrigens mit einer komplett gegen den Strich besetzten Sally Hawkins) relativ früh gezeigt wurden, begann ich schon, Schlimmes zu befürchten, aber dann wurde doch noch fast alles gut. Mein Fazit: Eine eigentlich sehr gute Literaturverfilmung, die ich gerne gesehen habe, die dem Thema aber auch nichts Neues hinzugefügt hat, also im Grunde überflüssig ist. Aber halt: Wer noch keine Jane Eyre-Verfilmungen gesehen hat, sollte sich diese unbedingt als erstes ansehen, dann ist (fast) alles in Butter.

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